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Majgull Axelsson – Dein Leben und meins

Majgull Axelsson – Dein Leben und meins (Foto: Christine Leifeling)

Majgull Axelsson schreibt über unfassbares Unrecht

Märit Johansson ist immer noch ganz verzaubert von ihrer kleinen Enkelin. Signe ist mit weitem Abstand das schönste Kind, das sich die stolze Großmutter nur vorstellen kann. Wie gerne wäre Märit länger in Bombay geblieben um jeden weiteren Moment mit dem kleinen Wesen auskosten zu können. Anstatt in Signes Gesicht, blickt Märit nun aber aus dem Zug Fenster. Sie ist auf dem Weg nach Stockholm und somit auf dem Weg in die Wirklichkeit. Ihr siebzigster Geburtstag steht unmittelbar bevor. Nicht das Alter, die Tatsache diesen Tag mit ihrem Zwillingsbruder verbringen zu müssen, lässt dunkle Schatten der Vergangenheit in Märits Gedanken aufkommen.

Märit stellt sich ihren Erinnerungen

Die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten holen Märit ein. Der Zug hält in Norrköping. Für die anderen Fahrgäste ist dies nur ein weiterer Stopp auf dem Weg nach Stockholm, für Märit ist es aber sehr viel mehr. Seit einundfünfzig Jahren, hat sie keinen Fuß mehr in ihre Heimatstadt gesetzt. Das soll sich für einen kleinen Moment ändern. Nur ein kurzer Aufenthalt um sich zu erinnern, obwohl die Stimme in Märits Kopf protestiert, so laut es geht. Hier hat sie ihre Kindheit und Jugend in den sechziger Jahren verbracht. Bislang hat Märit diesen Ort aber nicht eine einzige Sekunde vermisst.

» Denk an dein Zuhause in Stockholm, denk an dein schönes Haus auf dem Land. Das ist die Wirklichkeit, wie unwirklich sie auch erscheinen mag, aber sie existiert tatsächlich. Denk an die Aussicht über die Dachziegel in der Stadt, denk an die Eichen dicht neben dem Haus in Grisselhamn und an das Wasser, das ein Stück weiter entfernt funkelt. Denk an all das Gute, das du erlebt und erhalten hast, an ein Leben mit tausend Segnungen und mit vielen langen Reisen in die weite Welt. Du hast alles bekommen. Vergiss das nicht.

Stimmt genau, sagt die Andere. Du hast alles bekommen. Obwohl du es in keiner Weise verdient hast. «  (aus dem Klappentext )

Märit stellt sich ihrer Vergangenheit und ihrer eigenen Erinnerung. Sie war noch ein Kind, als ihr älterer Bruder in ein Heim gegeben und danach am liebsten vergessen worden wäre. Lars war geistig behindert. Der Rest der Familie hat nicht nur seinen Aufenthaltsort verschwiegen wollen, auch über seinen grausamen Tod in der Anstalt für geistig und körperlich Behinderte, sollte niemals ein Wort gesprochen werden. Märit ist nach so langer Zeit endlich bereit das Schweigen zu brechen. Sie fordert die Bewohner ihrer alten Heimat ebenfalls dazu auf, kämpft aber auch in ihrer Familie gegen das Vergessen eines schrecklichen Unrechts.

Majgull Axelsson fesselt von der erste Seite an

Der Einband von Dein Leben und meins wurde sehr ansprechend gestaltet. Schwerelos ziehen sich die gezeichneten Fische sich über das Papier. Weder schwerelos noch angenehm leicht ziehen sich die Gedanken der Protagonistin durch das 365 Seiten starke Werk. Majgull Axelsson lässt ihre Leser an den dunklen Erinnerungen der Hauptfigur teilnehmen. Stück für Stück blicken wir zurück in die todgeschwiegene Vergangenheit von Märit. Die Autorin schafft hier eine unfassbar beklemmende Situation, die sie sehr bildlich umschreibt.

Der schmucklose klare Schreibstil trifft

Ohne jegliches Ausschmücken schreibt die schwedische Bestseller Autorin über den Tod von Lars und das Verschweigen dieser furchtbaren Taten im Heim. Sie lässt auch die verschiedenen Personen im Buch, durch absolut detaillierte Ausführungen, nahezu real erscheinen. Ich habe mich mehr als einmal bei dem Gedanken ertappt, einzelne Personen anzubrüllen um auf die unfassbare Ungerechtigkeit hinzu weisen. Besonders gut hat mir die Idee von der Stimme der Anderen in Märits Kopf, gefallen. Die Autorin lässt hier zunächst offen, was es damit auf sich hat und erzielt dabei ein noch besseres Hineinversetzen in die Gefühlswelt der Protagonistin.

Selten habe ich solche Wut beim Lesen empfunden

Axelsson schafft es mit ihrem klaren Schreibstil zu fesseln. Immer tiefer taucht der Leser in diese Geschichte ein. Dieses Buch berührt dabei so sehr, dass es fast schmerz. Ich habe selten eine solche Mischung aus Wut, Verzweiflung  und Traurigkeit beim Lesen empfunden. Auf der anderen Seite schenkt die Autorin aber auch die Hoffnung, dass der Mut seine Stimme zu erheben Früchte tragen wird. Der Roman hallt lange im Kopf nach und erreicht somit, ohne Zweifel, sein Ziel.

Majgull Axelsson verschafft gesellschaftlichen Randgruppen Gehör

Es ist nicht nur die Tatsache, dass es solche Institutionen, die in dem Buch vorkommen, viel zu lange gegeben hat, die dieses großartige Buch so wichtig machen. In der Zeit, in dem große Teile dieses Romans spielen, war die Situation für Menschen mit geistiger Behinderung unvorstellbar schlecht. Das Menschenrechte auch für Menschen mit Entwicklungsstörungen gelten, scheint heute selbstverständlich zu sein. Tatsächlich war es aber nicht nur in Schweden ein langer Weg dorthin. Majgull Axelsson behandelt Themen wie Unterdrückung, Behinderungen und Unrecht. Sie rüttelt ihre Leser wach und zeigt auf wie wichtig es ist, gegen das Vergessen zu kämpfen.

Mein Fazit zum Buch

Es gibt viele Begriffe, die dieses Roman umschreiben, ihm aber kaum gerecht werden können. Berührend, tiefgründig und wachrüttelnd sind nur einige Worte die auf Mein Leben und deins von Majgull Axelsson zutreffen. Die Autorin fesselt ihre Leser und lässt sie nicht mehr los. Dieses grandiose Buch wird lange in den Köpfen der Leser verweilen.

Über Majgull Axelsson

Majgull Axelsson wurde am 14. 2. 1947 in Landskrona / Schweden geboren, und wuchs in Nässjö auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin lagen ihre Schwerpunkte zunächst auf Handelspolitik und Arbeitsmarkt. Sie arbeitete als Sekretärin am Außenministerium und als Chefredakteurin für ein namhaftes Magazin, bevor sie ihre ersten Bücher veröffentlichte. In ihren Sachbüchern behandelte die Schriftstellerin Themen wie Kinderprostitution, das Schicksal der Straßenkinder in der dritten Welt, aber auch Probleme wie Armut in Schweden oder Kinderarbeit. Axelsson gilt heute als eine der erfolgreichsten schwedischen Autorinnen. Ihren Durchbruch schaffte sie mit dem 1997 erschienenen Roman » Die Aprilhexe «, für den sie mit dem August- Preis der schwedischen Verlegervereinigung geehrt wurde. Die Autorin setzt sich nicht nur für gesellschaftliche Randgruppen ein und lässt diese in ihren Büchern zu Wort kommen, sie verfasst auch Theater Stücke, die sich mit der Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen auseinander setzen. Von Majgull Axelsson sind in Deutschland bereits unter anderem  erschienen

  • 1994 – Der gleiche Himmel
  • 1997 – Rosarios Geschichte
  • 1997 – Die Aprilhexe
  • 2000 – Augustas Haus
  • 2004 – Die ich nie war
  • 2008 – Eis und Wasser, Wasser und Eis
  • 2015 – Ich heiße nicht Miriam

Dein Leben und meins (schwedischer Originaltitel: Ditt liv och mitt) ist 2018 im List Verlag bei Ullstein erschienen. Das Werk wurde aus dem Schwedischen übersetzt von Christel Hildebrandt