Das Wunder von Emma Donoghue (Foto: Christine Leifeling)

Das Wunder von Emma Donoghue (Foto: Christine Leifeling)

Emma Donoghue schreibt über ein leibhaftiges Wunder, oder nicht?

Es ist die Mitte des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in den Irischen Midlands. Lib Wright ist nach einer unangenehm beschwerlichen Reise aus England fast am Ziel. Es geht noch ein holperiges Stück über Torf. Dabei weiß man doch, dass das Moor eine Brutstadt für Krankheiten ist. Die Straßen scheinen vor Dreck zu stehen und auch die Bewohner scheinen nicht sonderlich gepflegt. Die fachkundige Krankenschwester ist eine andere Welt gewohnt. In diesem Dorf soll es ein leibhaftiges Wunder zu bestaunen geben.

Anna lebt allein durch Gottes Gnade

Die resolute Krankenschwester Lib wurde geschickt um ein elfjähriges Mädchen zu bewachen. Die kleine Anna O´Donnell wird von den Bewohnern, und von weit angereisten Fremden gleichermaßen bestaunt und bezweifelt. Anna hat schon seit vier Monaten keinerlei Nahrung zu sich genommen. Der Grund, warum die vielen Gläubiger regelrecht zum Haus der O`Donnells pilgern, ist das Anna anscheinend allein durch Gottes Gnade bei bester Gesundheit ist. Wie kann das möglich sein?

Was passiert, wenn der Glaube die Vernunft ausschaltet?

Lib wird von einem Komitee beauftragt das Mädchen keinen Moment aus den Augen zu lassen und somit jede heimliche Nahrungsaufnahme aufdecken zu können. Diese unglaubliche Geschichte lockt auch einen Journalisten an. William Byrne kommt, um über den ungewöhnlichen Fall zu berichten. Ereignet sich hier wirklich ein durch Gottes Macht hervorgerufenes Wunder, oder ist es nur ein inszenierter Schwindel um ein kleines Mädchen und das Dorf in dem sie lebt zu Weltruhm zu verhelfen.

Emma Donoghue fesselte mich nach wenigen Seiten

Das Cover zu Der Glaube ist ein Highlight. Die gebundene Ausgabe des Romans ist wirklich wunderschön anzusehen. Durch den goldenen Halbleineneinband, das darauf abgestimmte Vor und Nachsatzpapier und das bedruckte Lesebändchen kommt das Buch in einer sehr ansprechenden und edlen Aufmachung daher. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Ein 11 jähriges Mädchen, über Monate keine Nahrung zu sich genommen hat? Das kann doch nur ein Schwindel sein. In der heutigen Zeit, würde ein solches “ Wunder “ vermutlich nicht einmal die Lokal Presse auf den Plan rufen. Die Autorin versetzt den Leser, mit einem grandiosen Schreibstil und sehr bildlichen Ausführungen, aber in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon nach wenigen Seiten, fühle ich mich nach Irland katapultiert. Emma Donoghue schafft es hier in kürzester Zeit die Leser zu fesseln.

Die Liebe zu Gott scheint hier mächtiger als die Liebe zum eigenen Kind

Die Protagonisten in diesem 411 Seiten umfassenden Buch, wurden sehr detailliert beschrieben, so konnte ich mich in einige Figuren hineindenken. Interessant war, meiner Meinung nach, die Rolle der Eltern. Hier hat die Autorin das blinde Vertrauen in Gott deutlich aufgezeigt. Wobei es für mich als Mutter undenkbar wäre, mein Kind nicht mit Nahrung zu versorgen. Mit diesem starken Glauben, der offensichtlich jede Form von Verstand ausschaltet, kann ich mich nicht identifizieren.

Die Spannung zieht sich durch das ganze Buch

Sehr gut gefallen hat mir die Geschichte rund um Lib Wright. Sehr unaufdringlich erzählt Emma Donoghue hier von der resoluten und doch verletzlichen Krankenschwester. Das rundet den Roman ab. Der Spannungsbogen zieht sich durch das ganze Buch. Es war für mich kaum möglich etwas anderes zu tun, als dieses Werk zu verschlingen.

Mein Fazit zu Das Wunder von Emma Donoghue

Emma Donoghue schreibt in ihrem Roman Das Wunder über fundamentalistischen Glauben, der jede Art von Verstand aussetzen lässt. Die Geschichte eines Mädchens, die unter dem Deckmantel göttlicher Gnade zum Wunder erkoren werden soll, hat mich gefesselt. Ein absolut brillantes Buch der Bestsellerautorin und uneingeschränkt empfehlenswert!

Über Emma Donoghue

Die Autorin wurde am 24. Oktober 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin, Irland geboren. Die liebe zu Büchern wurde ihr in die Wiege gelegt, Ihr Vater ist der Universitätsprofessor und Literaturkritiker Dennis Donogue. Am University College in Dublin erlangte sie den Bachelor in Englisch und Französisch. An der Universität Cambridge promovierte Donoghue als Doctor of Philosophy in Englisch. Mit 23 begann sie als Autorin zu arbeiten. Unter ihren Werken sind Märchen, Romane, literaturgeschichtliche Bücher, Kurzgeschichten und Hörspiele, Drehbücher und Bühnenstücke. Internationalen Ruhm erntete die Bestsellerautorin mit ihrem Buch Raum. Die Verfilmung wurde für vier Oscars nominiert. 1998 zog es Donoghue von London nach Ontario in Kanada. Hier lebt sie heute mit ihrer Lebensgefährtin und ihren Kindern.

Das Wunder ist 2017 ist bei Wunderraum – Bücher im Wilhelm Goldmann Verlag in der Random House Verlagsgruppe erschienen.