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Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann von Åke Edwardson (Foto: Christine Leifeling)

Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann von Åke Edwardson (Foto: Christine Leifeling)

Bestseller Autor Åke Edwardson überzeugt mit seinem neuen Roman

In dem kleinen, südschwedischen Ort passiert wenig Aufregendes. Ein Kino gibt es längst nicht mehr, das Durchschnittalter ist recht hoch und im Grunde genommen, regiert hier eine Mischung aus Stille  und Wald. Diese Stille wird jedoch gebrochen, als ein Sturm über das Land fegt. Das ist in diesem einsamen Zipfel Schwedens nicht ungewöhnlich. Johann, der mit seiner Frau Ann und seinem Sohn Andreas hier lebt, macht sich deswegen auch nicht allzu große Sorgen. Was als freundliches Säuseln des Windes begann, entpuppt sich im Laufe des Abends als ungewohnt heftiger Sturm. Die kleine Familie bangt bei Stromausfall die ganze Nacht. Erst am nächsten Morgen lässt sich das Ausmaß der Naturgewalt erahnen. Der Wald, der die Haupteinnahme Quelle und somit Existenz der Familie klarstellt, ist schwer verwüstet. Eine Schneise zieht sich hindurch und macht Johanns  berufliches Standbein zu Nichte.

Das soll aber bei weitem nicht der schlimmste Schlag für Ann und ihren Mann werden.  Andreas, von der Angst um seinen Lieblingsplatz getrieben, geht in den Wald und kehrt nicht zurück. Johann beginnt, außer sich vor Sorge, mit der Suche und findet Andreas schließlich unter einem umgestürzten Baum begraben. Der Junge lebt, ist aber schwer verletzt. Im Krankenhaus wird ein Schädeltrauma festgestellt und Andreas fällt in ein Koma aus dem er auch Monate nach dem Unfall nicht wieder erwacht.

Kann man Sinn im Unfassbaren erkennen?

Für Johann und Ann beginnt eine furchtbare Zeit an der das Paar zu zerbrechen droht. Jeden Tag wacht die Mutter am Krankenbett. Sie erzählt  Andreas vom Wetter und von allem was einen normalen Alltag vortäuschen könnte.  Ihrem Mann gegenüber ist Ann aber mehr als schweigsam. Johann kann diese eisige Stille kaum noch ertragen. Liebevolle Worte gibt es in der Beziehung fast keine mehr. Zu der alles zerfressenden Angst um das Kind, gesellen sich finanzielle Sorgen. Der Wald, als Existenzgrundlage,  wurde bei dem Sturm zerstört und ein gut bezahlter Job ist kaum zu finden. Die Saison, in der viele deutsche Urlauber kommen und es Gelegenheitsarbeiten gibt, ist noch nicht angebrochen. Die Ersparnisse schwinden und Johann verzweifelt immer mehr. Seine lange überwunden geglaubte Alkoholsucht liegt wie ein dunkler Schatten über ihm.

Halt findet Johann in den langen Gesprächen mit dem Pfarrer Esaias.  Auch Ann beginnt damit, sich zu öffnen. Ihre Schwester und eine Krankenpflegerin werden zu ihren Vertrauten und spenden Trost. Ann gewinnt neue Kraft und als Johann eine waghalsige aber vielversprechende Geschäftsidee entwickelt, nähert sich das Paar einander behutsam an. Gemeinsam gewinnen sie an Stärke um gemeinsam für ihr Kind zu kämpfen.

Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann – düstere Stimmung mit einem Hoffnungsschimmer

Schon das Cover dieses 332 starken Buches versetzt den Leser mit den düsteren Tönen in eine bedrückte Stimmung. Neben den bedrohlich wirkenden Gewitterwolken, lässt sich aber ein kleiner Sonnenstrahl entdecken. Diese Mischung zieht sich durch diesen sehr persönlichen Roman. Sehr treffend ist auf dem Klappentext zu lesen, dass Schwarz die Farbe der Hoffnung sei.

Ein Buch, in dem es um ein verunglücktes Kind geht, ist sicherlich immer Herzergreifend. Dieses Buch unterscheidet sich aber, meiner Meinung nach, maßgebend von allen bisher gelesenen.

Åke Edwardson beschreibt in allen Einzelheiten, wie sich eine Familie fühlt, die ein unfassbares Drama durchleben muss. Dieses aber in einer so ungeschönten und klaren Schreibweise die direkt in den Kopf geht und lange dort bleibt. Edwardson wechselt rasant zwischen Ich und Erzähler Perspektive. Dieser Sichtwechsel nimmt den Leser mit und lässt ihn tief in die Seeler der, nicht mehr zum rationalen Denken fähigen, Eltern blicken.

Schwarz ist die Farbe der Hoffnung

Der Autor geht sehr detailliert auf die Protagonisten ein. Gut gefallen hat mir, dass Johann und Ann nicht nur in der jetzigen Situation beschrieben werden.  In kleinen Stücken wurde auch die Vergangenheit der jeweiligen Person ausgearbeitet. Das trug entscheidend dazu bei, sich tief in die beiden hinein zu denken. Johanns ehemalige Alkoholsucht hat mich zum Beispiel sehr beschäftigt. Wie an so vielen Stellen im Roman, schlägt der Autor aber auch hier nicht den zu erwartenden Weg ein. Wird Johann seinen Kampf gegen die Sucht verlieren, kann Ann noch ein wenig Kraft aufbringen und vor allem anderen, wird Andreas aufwachen? Das Gefühl unbedingt wissen zu müssen, wie es weiter geht, ebbt an keiner Stelle im Buch ab.

Maßgebend für das Empfinden beim Lesen ist auch die ausgesprochen bildliche Umschreibung der Umgebung. Hier wird nicht die schwedische Landschaft als wunderschön und malerisch genannt, es steht hier die raue Natur und die teils unerträgliche Stille deutlich im Vordergrund. Åke Edwardson zeichnet hier ein Bild von Schweden das sehr weit weg von der sonst bekannten Pipi Langstrumpf Idylle scheint.

Åke Edwardson nimmt den Leser mit in die Seele der Trauernden

Die Nebenpersonen, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar zur Geschichte gehören, gewinnen im Laufe der Kapitel mehr an Bedeutung.  Die Machtlosigkeit und das Unbehagen der Freunde und Wegbegleiter, eventuell etwas Falsches zu sagen, konnte ich sehr gut nachvollziehen. Eine nicht zu geringe Rolle spielten, für mich, die Schwalben. Sie treten zwar nicht wirklich in den Vordergrund, spiegeln aber doch die Stimmung wieder.

Ausgesprochen gut ist der Autor auch auf den Zwiespalt, in dem sich Anne und Johann befinden, eingegangen. Das Leben nimmt trotz des furchtbaren Unfalls seinen Lauf. Das Paar fühlt sich schuldig wenn es so etwas wie einen Alltag oder sogar kurze Momente der Freude empfindet.

Die düstere und verzweifelte Stimmung wechselt sehr behutsam mit kleinen Lichtblicken und Hoffnung ab. An wenigen Stellen hat mich dieses Werk den Tränen nahegebracht, viel öfter hat es mich dagegen zum Nachdenken bewegt. Was geschieht, wenn ein unvorhersehbarer Moment das ganze Leben so unfassbar verändert.

Mein persönliches Fazit zu Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann von Åke Edwardson

Åke Edwardson

Åke Edwardson

Åke Edwardson hat mit Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann ein fesselndes Werk über die Übermacht der Trauer und die vorsichtige Hoffnung geschrieben.  Dieses Buch ist so tief berührend, im Kopf bleibend und nachdenklich machend wie kein anderes.

Zu Åke Edwardson

Der Schriftsteller Åke Edwardson wurde 1953  in Vringstad / Schweden geboren. Er arbeitete über 20 Jahre lang als Journalist für die UNO im Nahen Osten und auf Zypern. Als freier Journalist schrieb Edwardson dann unter anderem über Sport, Reisen und Literatur. Er bildete an der Universität Göteborg Nachwuchs Journalisten aus und war Mitverfasser zweier Lehrbücher, die als grundlegende Werke zum Thema Journalistik gelten.

Seit der Mitte der 1990er Jahre verfasst Åke Edwardson, sehr erfolgreich, Kriminalromane. Seine Romane um Kommissar Erik Winter in Göteborg wurden mehrfach preisgekrönt und sind auch in Deutschland erschienen.  Zu den Auszeichnungen gehören zum Beispiel der schwedische Krimipreis in mehreren Jahren und Kategorien, der Landsbygdens Författarpris, Radio Bremen Krimipreis und der deutsche Hörbuch Preis.

Bereits erschienen sind unter anderem aus der Privatdetektiv-Jonathan-Wide-Reihe

  • 1995 Till allt som varit dött / Allem, was gestorben war
  • 1996 Gå ut min själ / Geh aus, mein Herz

Aus der Kommissar- Erik- Winter- Reihe

  • 1997 Dans med en ängel / Tanz mit dem Engel
  • 1998 Rop från långt avstånd / Die Schattenfrau
  • 1999 Sol och skugga / Das vertauschte Gesicht
  • 2000 Låt det aldrig ta slut / In alle Ewigkeit
  • 2001 Himlen är en plats på jorden / Der Himmel auf Erden
  • 2002 Segel av sten / Segel aus Stein
  • 2005 Rum nummer 10 / Zimmer Nr. 10
  • 2006 Vänaste land / Rotes Meer
  • 2007 Nästan döt man / Toter Man
  • 2008 Den sista vintern / Der letzte Winter
  • 2012 Huset vid världens ände / Das dunkle Haus
  • 2013 Marconi Park / Marconipark

Außerhalb der Reihen erschien außerdem

  • 1999 Genomresa / Der letzte Abend der Saison
  • 2003 Jukebox / Der Jukebox- Mann
  • 2005 Winterland  (Geschichtensammlung)
  • 2006 Drakmånad / Drachenmonat
  • 2011 Möt mig i Estepona / Die Rache des Chamäleons

Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann ( 2010, schwedischer Originaltitel : Svalorna flyger så högt att ingen längre kann se dem) ist als ungekürzte Ausgabe im Oktober 2017 im Ullstein Taschenbuch / Ullstein Buchverlage erschienen.