Nachtlichter von Amy Liptrot (Foto: Christine Leifeling)

Nachtlichter von Amy Liptrot (Foto: Christine Leifeling)

Amy Liptrot wurde 1986 als Tochter englischer Eltern auf den Orkeneyinseln geboren. Hier wuchs sie auf bis sie die University of Edinburgh absolvierte. Die Journalistin schreibt für diverse Britische Magazine. Amy Liptrot veröffentlichte ihr erstes Buch, Nachtlichter. Das Werk, das eine Mischung aus Memoir und New Nature Writing darstellt, eroberte Leser und Presse im Sturm. Der Roman gilt bereits als zukünftiger Klassiker und stand wochenlang auf den britischen Bestseller Listen. Amy Liptrot wurde im Juli 2017 PEN Ackerley Prize ausgezeichnet und erhielt unter anderem auch den renommierten Wainwright Prize for Best Nature and Travel Writing.

Nachtlichter von Amy Liptrot (Originalausgabe 2016 unter dem Titel The Outrun) erschien am 9.10.2017 im BTB Verlag in der Random House Gruppe.

So funkelnd wie die Nordlichter. Amy Liptrot verfasst eine brillante Mischung aus schonungsloser Biographie und beeindruckender Naturbeschreibung.

Amy Liptrot (Foto: © Fionn McArthur)

Amy Liptrot (Foto: Fionn McArthur)

Die rauen, windgepeitschen, von Nordsee und Atlantik umtriebenen Orkeneyinseln sind die Heimat von Amy Liptrot. Am Tag ihrer Geburt, wurde ihr Vater mit einem Helikopter, in einer Zwangsjacke, fortgebracht. Amys Geburt, die sich drei Wochen zu früh angekündigt hat, löste eine manische Phase aus und so wurde ihr Vater in die Psychiatrie zwangseingewiesen.

Amy Liptrot wuchs rein geografisch betrachtet am Abgrund auf. Der Hof der Familie liegt ganz dicht am westlichen Rand von Mainland, der größten Insel des Insel Archipels. Hier schützen Trockenmauern, die sogenannten Dykes, nicht nur die Schafe vor den Klippen und den darunterliegenden, erbarmungslosen Elementen. Als Teenager kommt Amy oft zu ihrem Lieblingsplatz auf der Insel die auf dem selben Breitengrad wie Oslo und Sankt Petersburg liegt. Frustriert über ihr ödes Leben, sitzt sie stundenlang auf einer Felsplatte die in gefährlich auf einer Klippe aufliegt und starrt in den Himmel. Aber das Leben am Abgrund zieht sich auch nach dem Amy ihre niemals windstille Heimat, mit den weiten Feldern, den wenigen Bauernhäusern und der unberechenbaren See verlässt, weiter durch ihr Leben.

Als sie nach ihrer Hochschulreife, die sie auf der University of Edinburgh absolviert, keinen Job findet kehrt sie zunächst nach Hause zurück. Amy ergattert eine Anstellung als Putzkraft auf einem Erdölterminal, Dazu musste sie jeden Morgen mit der Fähre hinüber auf die Insel Lotta fahren und erledigte dann von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihren Job, der für sie lediglich ein Mittel zu Geldbeschaffung war.

Nur wenige Tage nachdem ihre Vorgesetzte sie mit ihrem letzten Gehalt nach Hause geschickt hat, bricht Amy nach London auf. Hier genießt die junge Frau ein völlig neues Gefühl von Freiheit und die unendlich erscheinende Vielfalt die hier auf sie wartet. Sie schneidet ihre Haare ab, beginnt sich anders zu kleiden und stürzt sich ins aufregende Leben mit vielen neuen Freunden, die sich aber sehr schnell als oberflächliche Bekanntschaften heraus kristallisieren. In den langen Nächten in denen Amy unter Alkohol und Drogeneinfluss durch verschiedene Clubs tingelt, fühlt sie sich unwiderstehlich. Doch es gehört mehr zum Glücklichsein dazu, als sich grell zu schminken und sturzbetrunken mit Fremden auf zwielichtige Partys zu gehen. Es gelingt ihr nicht, ihre Jobs besonders lange zu behalten und auch Männerbekanntschaften kommen und gehen, bis Amy sich verliebt. Eine Weile scheinen die beiden glücklich miteinander, aber lange hält er den Alkoholkonsum und die damit einhergehenden Aussetzer nicht stand. Amy Liptrot stürzt immer mehr ab.

Sie erinnert sich daran, schon mit fünfzehn Jahren mit ihren Freunden erste Rauschzustände durch Alkohol und verbotene Pilze erlebt zu haben. In ihrer Kindheit war sie zwar im Grunde genommen glücklich, doch die bipolare Störung mit manisch depressiven Zügen ihres Vaters lastet im Verborgenen auf ihren Schultern. Die Eltern ließen sich scheiden und Amy stört sich an der streng religiösen Einstellung ihrer Mutter. All diese Gedanken holen sie ein und nach mehreren gescheiterten Versuchen entscheidet sich Amy für eine weitere Entziehungskur. Stundenlang fährt sie, um zu klaren Gedanken zu kommen, mit dem Rad durchs nächtliche London. Wohl fühlt sie sich hier schon lange nicht mehr. Mit gemischten Gefühlen und der steten angst vor einem erneuten Absturz kehr Amy London, zunächst für eine Auszeit, den Rücken und fährt zurück auf die Orkeneyinseln.

Hier geht sie zu Treffen der Anonymen Alkoholikern und beginnt mit einem 12 Stufen Plan. Aber noch mehr als das, ist es die raue Natur die ihr hilft. Amy Liptrot beginnt sich für Noctilucent Clouds (NLC), die seltenen leuchtenden Nachtwolken zu interessieren. Später bekommt arbeitet sie für die Corncrake Initiative der RSPB. Für ein Langzeitprojekt zum Schutz der Wachtelkönige, geht sie Tag und Nacht auf die Suche nach dem auf der roten Liste stehenden Vogel. Als ihre Arbeit mit der Saison zu Ende geht, entschließt sie sich den Winter auf der kleinsten Insel des Archipels Papay zu verbringen. Hier lebt sie im Rose Cottage, einem winzigen Haus das sonst als Arbeiterunterkunft dient, und kann sich ganz auf sich selbst besinnen. Aber völlig allein zu Leben birgt auch die Gefahr eines Rückfalls. Sie sucht Ersatz Befriedigung in Wanderungen oder beim Schwimmen im eiskalten Meer. Amy Liptrot kämpft mit Hilfe der ursprünglichen Kraft der alles beherrschenden Natur gegen ihre Sucht und für ein selbstbestimmtes Leben.

Der schnörkellose Ton, in dem Amy Liptrot über ihre Alkoholsucht und ihren Weg zur Heilung berichtet, trifft den Leser so schonungslos ins Gesicht,wie ein rauer Sturm auf den Orkeneyinseln.

Schon das Cover des als New Nature Writing Highlight angepriesenen Debüt von Amy Liptrot lässt auf ein raues Buch ohne romantische Schnörkel schließen. Zu meiner Schande musste ich zunächst einmal die Definition von New Nature Writing im Internet suchen. Ich bin auf wunderbare Umschreibung wie zum Beispiel Die Entdeckungsreise zur inneren Wildnis gestoßen. Und das trifft, meiner Meinung nach, wunderbar auf dieses 344 Seiten starke Werk von Amy Liptrot zu. Zum Einen nimmt sie den Leser mit in die unglaublich gewaltige Natur der Orkeneyinseln, und zum Anderen schreibt sie völlig schonungslos und ohne jegliche Ausschmückung von ihrem Weg. Ein Weg der schon früh von Sehnsüchten geprägt wurde. Mit ganz ungeschminkten Wörtern erzählt die Journalistin von ihrem tiefen Sturz. Langsam hat er sich angebahnt, mit harmlos erscheinenden Trinkgelagen unter Freunden, bis hin zum völligen Kontrollverlust. Nicht einmal ihren eigenen Körper konnte Liptrot zu ihren schlimmsten Sucht Zeiten vollständig beherrschen. Von Zittern bis hin zu Versteifungen der Gliedmaßen schritt der körperliche Verfall voran. Als Leserin hörte ich natürlich einige Male die Alarmglocken auf schrillen, als Amy nicht nur Nachts auf Partys zugedröhnt getanzt hat, sondern auch ihre Tage im Rausch verbracht hat. Aber nachvollziehen kann es sicherlich kaum jemand, wie sie sich gefühlt haben muss. Aufgewachsen auf einem ewig von starken Winden heimgesuchten Flecken der Erde. Dessen unendliche Schönheit vermag sie als heranwachsende nicht zu erkennen und fühlt sich dort furchtbar einsam und missverstanden. Bei ihrem Vater wurde eine bipolare Störung diagnostiziert. Die manisch depressiven Schübe des geliebten Vaters rüttelten schwer an den Grundfesten ihre Lebens. Bestärkt wurden diese negativen Gefühle zudem noch von der extremen Religiosität der Mutter. Amy Liptrot will hinaus aus der Ödnis. Im Lauten und von, für sie fast unvorstellbar vielen, Menschen bewohnten London will sie ein eigenes Leben beginnen.

Liptrot schildert erschreckend und berührend zugleich, wie sie diverse Jobs und auch ihre Liebe durch ihre Sucht verloren hat. Aber auch wie sie ihren Kampf beginnt und stetig weiterführt erzählt die Autorin ganz klar und detailliert. Außerordentlich ergreifend habe ich ihren den Weg zurück auf die Orkeneyinseln empfunden. Amy Liptrot, die sich als Jugendliche danach verzehrte endlich die Inseln verlassen zu dürfen, macht sich nun die Weite des Himmels und die unbändige See zu nutzen. Beim Schwimmen im eiskalten Wasser oder bei langen Wanderungen an der steilen Küste entlang, geht sie an ihre Grenzen und fühlt sich auf eine gesunde Art high von der Natur.

Das Buch ist in 28 Kapitel unterteilt. Es steckt eine unglaublich große Vielfalt von Informationen zu Landschaft, Bewohnern und Tieren aber auch der Ursprungs Geschichte der Orkeneyinseln in diesem Werk. Beim Lesen konnte ich deutlich die große Liebe und fast schon sinnliche Leidenschaft der Autorin zu diesem wundervollen, wenn auch rauen, Inseln Archipel spüren. Im vorderen Teil des Buches befindet sich eine übersichtliche, gezeichnete Karte. Das Glossar mit orkadischen Begriffen aus dem Buch rundet dieses Memoir zusätzlich ab. Die Sprünge zwischen verschiedenen Zeiten und Orten im Buch machen das Leseerlebnis sehr abwechslungsreich . Zudem bekommt der Leser somit auch sehr schnell das Gefühl, den ganze Weg dieser großartigen und starken Amy Liptrot zu erfassen.

Mein Fazit zu Nachtlichter von Amy Liptrot

Noch nie habe ich eine so gelungene Mischung aus ungeschönter, ehrlicher Betrachtung des eigenen Lebensweges und leidenschaftlicher, emotionaler Naturschilderung gelesen. Amy Liptrot hat mit Nachtlichter ein wahrlich großes Werk geschaffen, das noch lange in meinem Kopf bleiben wird.