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Prof. Dr. Thomas Vogler

Prof. Dr. Thomas Vogler

Prof. Dr. Thomas Vogler, ein Lebenslauf, der für sich spricht: Heute zählt er mit über 22 Jahren Handelserfahrung zu den angesehensten Experten seiner Branche. Für Herrn Vogler ist der Handel Heimat: In einem EDEKA‐Geschäft machte er seine ersten Schritte, die ihn bis zur Gründung des Handelsvereins GermanRetailLab e.V. führten. „Die Idee entstand aus dem Bedürfnis, Netzwerke zu aktivieren und gemeinsam mit jungen Nachwuchskräften nach Lösungen für die Herausforderungen des Einzelhandels zu suchen“, erklärt Thomas Vogler. Dafür wurde eine Plattform konzipiert, die Branchenkennern und Interessenten neue Impulse und Anregungen, aber auch einen Raum für konstruktive Diskussion bieten will. Hier konnte Professor Vogler besonders seine Erfahrungen aus dem Lebensmittelhandelbereich mit älteren und jüngeren Kollegen teilen – mit den künftigen Herausforderungen der Branche beschäftigen sich die Mitglieder täglich. Dabei rückt das Thema der Digitalisierung oft in den Vordergrund:

Vogler: „Das ist klar: Ohne Digitalisierung geht es nicht voran. Doch wird sich der tägliche Einkauf von Lebensmitteln aus Kundensicht wohl nicht sehr verändern, denn Kunden wissen genau, was sie kaufen wollen und informieren sich im Vorfeld nicht so sehr im Netz. Ich denke, dass eher die Themen Mobile Payment und Payment Solutions große Herausforderungen für die Zukunft des Handels darstellen“.

Redaktion: Aufgrund der Digitalisierung erwarten Käufer inzwischen mehr von Unternehmen und zwar ein unvergessliches Einkaufserlebnis – wie kann der Lebensmittelhandel es schaffen, durch die Digitalisierung die neuen Bedürfnisse der Kunden zufrieden zu stellen?

Vogler: “Im Lebensmittelhandel müsste man klar zwischen dem (Erlebnis‐)Einkauf von frischen Produkten und dem Vorratskauf von verpackten Produkten unterscheiden. Der „frische“ Erlebniseinkauf lässt sich nur sehr schwer digital abbilden. Ganz anders sieht es aber beim Vorratskauf aus. Hier wird es bald digitalisierte Systeme – vielleicht in Zusammenspiel mit intelligenten Haushaltsgeräten – geben, die es uns ermöglichen, nicht mehr daran denken zu müssen, Produkte wie H‐Milch, Nudeln, Zucker, Waschmittel, Alufolie etc. einzukaufen. Wir werden unsere Vorräte immer automatisch aufgefüllt bekommen.“

Redaktion: Das heißt, eine transparente Online‐Präsenz ist mittlerweile kein entscheidender Wettbewerbsvorteil mehr bei allen „nicht‐alltäglichen“ Produkten?

Vogler: „Bei allen nicht‐alltäglichen Produkten finden die ersten drei Phasen des Kaufprozesses, nämlich Inspiration, Suche und Bewertung & Auswahl mittlerweile häufig online statt – egal wo die Kunden dann einkaufen. Ein Händler, der dort nicht präsent ist, wird von den Kunden auch nicht wahrgenommen. Das trifft aber tatsächlich den klassischen Lebensmittelhandel weniger, als Baumärkte, Gartencenter, Blumenläden, Fashionboutiquen etc.“

Redaktion: Was nicht nur den klassischen Lebensmittelbereich betrifft: Früher noch exotisches Nischenthema rückt Nachhaltigkeit heutzutage immer mehr in den Fokus. Was bedeutet das allgemein für den Einzelhandel?

Vogler: „Die Kunden möchten viel mehr Informationen über die Produkte, die Hintergründe der Produktion, die Arbeitsbedingungen usw. erhalten. Hierzu müssen die Händler in der Lage sein, diese Dinge auch zu liefern. Vorstellbar sind Systeme mit QR‐Codes am Regal, über den die Kunden diese Informationen abrufen können.“

Redaktion: Schaffen es Unternehmen wirklich, mit Ressourcen nachhaltig umzugehen?

Vogler: „Gerade im Lebensmittelhandel zum Beispiel kann im Bereich der Kühlung, mit Solarzellen auf dem Dach der großflächigen Märkte und durch den Verzicht auf Plastiktüten und Verpackung sehr viel getan werden. In den letzten Jahren sind hier von den relevanten Playern am Markt schon große Fortschritte erzielt worden.“

Redaktion: „Welche, zum Beispiel?“

Vogler: „Aldi rüstet seine Filialen mit Solarzellen aus, um sie energieautark zu machen; REWE hat die ersten Versuche mit komplett unverpacktem Obst und Gemüse gestartet – um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Händler bemühen sich hier, die Dinge voranzubringen“

Redaktion: Und dennoch macht in erfolgreichen Unternehmen immer noch der Mensch den entscheidenden Unterschied. Eine neue Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte aber, dass schon im Jahr 2025 Maschinen 52 Prozent aller Arbeitsstunden erledigen werden. Hat das Prinzip „Mensch“ ausgedient?

Vogler: „Diese Entwicklung ist vergleichbar mit der in der industriellen Revolution am Ende des 19. Jahrhunderts. Es werden sich in den kommenden Jahren noch mehr Jobs vom Menschen auf Maschinen verlagern. Dadurch wird die Produktivität deutlich steigen. Welche Auswirkungen das auf unsere Arbeitsverhältnisse und das Einkommen hat, darüber spekulieren verschiedene Wissenschaftler sehr kontrovers.

Redaktion: Auch über künstliche Intelligenz wird oft und gerne spekuliert. Die Meisten behaupten, man müsse eine Balance zwischen Nutzen und Schäden der Digitalisierung finden. Wo ist Ihrer Meinung nach so ein Ausgleich heutzutage zu finden?

Vogler: „Dieser Prozess lässt sich nur schwer beeinflussen. In der Vergangenheit haben sich technische Innovationen, die uns das Leben einfacher gemacht haben, immer durchgesetzt. Die Digitalisierung wird uns das Leben weiter vereinfachen, dieses aber auch transparenter machen. Inwieweit hier der Datenschutz angepasst werden muss, ist Sache des Gesetzgebers.“

Redaktion: Aber in wie weit hilft uns künstliche Intelligenz faktisch?

Vogler: „KI‐Systeme helfen uns zum Beispiel dabei, leichter und schneller für uns interessante Produkte zu finden.“

Redaktion: Um die digitalen Herausforderungen im Handel besser zu bewältigen, haben Sie auch das GermanRetailLab ins Leben gerufen. Der Gedanke hinter der Gründung dieses Expertenvereins war, gemeinsam mit jungen Nachwuchskräften nach Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen der Branche zu suchen. Wie kann das GRL den digitalen Wandel unterstützen?

Vogler: „Zielsetzung vom GermanRetailLab e.V. ist es, sich mit zukünftigen Herausforderungen im Handel zu beschäftigen und junge Nachwuchskräfte auf diese Herausforderungen vorzubereiten. Dadurch wollen wir unsere Branche für High‐Potentials interessanter machen. In den nächsten Jahren wird der durch die Digitalisierung initiierte disruptive Wandel unsere Branche – wie auch alle anderen Segmente – verändern. Als GermanRetailLab e.V. diskutieren wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Experten, welche Konsequenzen das für uns haben wird und mit welchen konkreten Schritten wir hier reagieren können.“

Redaktion: Wie kann das GRL künftigen Händler‐Generationen konkret dabei helfen, sich auf die digitale Herausforderung gut vorzubereiten?

Vogler: „Wir haben im GRL eine Dreiteilung:den Verein als Klammer über allen Aktivitäten, branchenspezifische Arbeitskreise (Denkfabriken), in welchen wir für die jeweilige Branche sehr intensiv die Zukunft betrachten und Camps für Führungsnachwuchskräfte, in denen wir konkrete Fragestellungen (aus den Denkfabriken) weiter bearbeiten und diese – soweit möglich – in konkreten Projekten der beteiligten Unternehmen umsetzen. Dadurch hoffen wir, auch ganz konkret Veränderungen in Unternehmen geschehen zu lassen.“

Redaktion: Wo sehen Sie sich und das GRL in 15 Jahren?

Vogler: „Das GRL besteht jetzt seit 5 Jahren und langsam sehen wir erste Ergebnisse. Durch die Gründung der Denkfabrik „Garten“ im letzten Jahr und der Denkfabriken „Food“ und „Sports und Fashion“ in diesem Jahr, werden wir in den jeweiligen Branchen eine tiefe Vernetzung erreichen. Durch die hier entstehenden Impulse werden wir den Handel insgesamt positiv beeinflussen können. In 15 Jahren soll das GRL als „think tank“ des Handels im deutschsprachigen Raum anerkannt sein!“