Gemeinsame Tagung von LWH und DiCV Osnabrück in Lingen

 

Wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft? Und was sind christliche Perspektiven auf den digitalen Wandel? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung „Menschliche Gesellschaft 4.0“, die der Caritasverband für die Diözese Osnabrück und das Ludwig-Windthorst-Haus am 1./2. Juli im LWH in Lingen durchgeführt haben. Im Fokus standen die Folgen der Digitalisierung für die Gesellschaft, das christliche Menschenbild, die Arbeitswelt, die Demokratie und die Alten- und Krankenpflege. Gut 100 Interessierte aus Caritas, Verbänden und Bildungseinrichtungen nahmen an der Veranstaltung teil, die vom Bund Katholischer Unternehmer (BKU) unterstützt wurde.

Zum Auftakt kritisierte der Soziologe Harald Welzer „Technik-Hypes“ wie E-Autos, den Mobilfunkstandard 5G und die „Smart Citys“ genannten volldigitalen Städte. E-Autos würden das Problem des Individualverkehrs nicht lösen, und 5G und Smart Citys würden die Abhängigkeit von Technik erhöhen: „Wenn es da einen Fehler gibt, haben wir keine funktionierende Infrastruktur mehr. Es ist komisch, dass wir da nicht gefragt werden!“ Seine Hauptthese: Die Einführung des Smartphones ist die größte technische Veränderung der Menschheitsgeschichte. Die Menschen haben immer ihr privates soziales Universum zur Hand und koppeln sich aus dem vorhandenen sozialen Umfeld aus. Welzer rief zu einem Diskurs darüber auf, was wir Menschen eigentlich wollen. Oft liefere die Technikindustrie Antworten auf Fragen, die keiner gestellt habe.

 

Der Soziologe Harald Welzer hält einige Technik-Hypes für Antworten, auf die es gar keine Frage gibt / Foto: Roland Knillmann /DiCV Osnabrück.

 

In der zweiten Einheit deutete der Fundamentaltheologe Prof. Magnus Striet das christliche Menschenbild im Blick auf die Digitalisierung. Die Gottesebenbildlichkeit sei begründet in der Selbstinterpretation des Menschen, die keine letzte Gewissheit beanspruchen könne: „Was der Mensch ist, ist das Ergebnis diskursiver Praxis!“ Wenn die subjekthafte Autonomie des Menschen höchster Wert sei, würde die Komplexität der digitlen Systeme verunsichern. Früher hätten die Kirchen das Leben formatiert, heute mache das der digitale Wandel. Daher braucht es Orte, an denen die ethischen Konsequenzen ausgehandelt werden.

Ob Körper und Geist durch technische Methoden optimiert werden dürfen, war Gesprächsgegenstand einer Fishbowl-Diskussion, an der auch die Technikphilosophin Dr. Janina Loh teilnahm. Sie hatte den Teilnehmenden vorher die philosophischen Denkrichtungen Transhumanismus und Posthumanismus nahegebracht, die den Menschen grundsätzlich als defizitär bzw. optimierungsbedürftig kennzeichnen. Auch die Werbung und die Schönheitsindustrie hätten ihren Anteil an dem Bild vom perfekten Menschen, so Loh. Magnus Striet verwies darauf, dass es auf die vielfältigen Selbstoptimierungstendenzen eine christliche Antwort gebe: Gottes Zusage an die Menschen. „Du musst dich nicht bis ins letzte selbst optimieren, sondern da ist noch einer, der ein Ja gesprochen hat.“

Die Nachmittagseinheit beleuchtete die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt

 

Nach einer gut verständlichen Erklärung des Buzzwords „Industrie 4.0“ durch den Strategieberater Andreas Paschke forderte der KAB-Bundesvorsitzende Andreas Luttmer-Bensmann, den Menschen im Mittelpunkt der Arbeitswelt zu sehen. Menschliche Kompetenzen wie Empathie, handwerkliches Geschick, geistige Kreativität oder künstlerisches Wirken ließen sich nicht digitalisieren. Dr. Bettina-Johanna Krings vom Institut für Technikfolgenabschätzung am KIT (Karlsruher Institut für Technologie) wies in einer weiteren Response unter anderem darauf hin, dass die Digitalisierung auch neue Berufsprofile schaffen würde, für die technische, kommunikative und interdisziplinäre Kenntnisse vonnöten seien.

Den ersten Veranstaltungstag beschloss eine Podiumsdiskussion, die die Herausforderungen der Digitalisierung für die Demokratie beleuchtete. Trotz Hate Speech und der großen Marktmacht einiger Unternehmen, so das Fazit der dynamischen Diskussion, ist die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt im Netz eher Segen als Fluch.

 

Die Teilnehmenden beteiligten sich intensiv und sachkundig an den Diskussionen in der LWH-Aula. Foto: Michael Brendel/LWH

 

Auch die Pflege von alten und kranken Menschen verändert sich durch die Digitalisierung

 

Jedoch nicht durch Pflegeroboter, wie alle Referenten der letzten Tagungseinheit übereinstimmend aussagten. In der häuslichen Altenpflege könnten Schrittzähler, Stimmungsabfragen und Sensormatratzen die Arbeit der Pflegekräfte unterstützen, erklärte Martin Schnellhammer vom „Living Lab Wohnen und Pflege“. Auch der Informatikprofessor Joachim Hertzberg warnte vor dem Bild der arbeitsplatzvernichtenden Pflegemaschine: „Denken Sie bei Robotik in der Pflege bitte nicht an Roboter, sondern denken Sie an Sensorik und Effektorik, die irgendwie clever gesteuert werden.“ Die Ethik in der digitalisierten Pflege liegt Dr. Hanno Heil am Herzen. Der Vorsitzende des Verbands katholischer Altenhilfe in Deutschland fragte in seinem Impuls provokativ: „Warum stellen wir einem Sterbenden keine Alexa da hin mit einem tollen Programm, das Theologen entwickelt haben? Technisch geht das!“ Heil forderte, dass in Entscheidungsinstrumente wie die ethische Fallbesprechung, Ethikkomitees oder Ethikcafés weiter investiert werden müsse. Moralische Entscheidungen dürften nicht an Maschinen abgegeben werden: „Ich glaube, dass wir in der Ethik sagen müssen: Die Verantwortung bleibt bei uns. Auch für die Fehler.“

 

Foto: Michael Brendel/LWH

 

Die Verantwortung für die Gestaltung des digitalen Wandels liegt auch bei Kirche und Caritas, so das Ergebnis der Gruppenarbeit zum Ende der Tagung. Die Teilnehmenden wünschten sich unter anderem ein Positionspapier von Kirche oder Caritas zur Digitalisierung, bekannten sich aber auch zur eigenen Verantwortung. Das Fazit eines Teilnehmers: „Digitalisierung ist nicht gottgegeben. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wo wir sie nutzen, wo es Antworten braucht, und wo es möglicherweise gar kein Problem gibt. Wir müssen die Diskussion an verschiedenen Ecken führen – in Einrichtungen und Betrieben, in und zwischen Organisationen, und wir müssen auch über den Rand unseres Kirchentellers hinaus blicken.“